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Empire State Building Run Up

Das Gebäude ist legendär. Es ist das bekannteste auf der ganzen Welt. Und es beheimatet einen der ältesten Treppenläufe der Welt, den Empire State Building Run Up.
1576 Stufen, 320 zu überwindende Höhenmeter und das alles über 86 Stockwerke verteilt. Das sind die Keyfacts der Treppenhatz. Es ist ein Ausscheidungsrennen, bei dem der Fitteste mit der besten Strategie das Zielband auf dem Observerdeck berühren darf.

Bevor der Startschuss in New York fällt, hatte ich eine drei monatige Trainingsphase, die auf diesen Treppenlauf ausgerichtet war. D.h neben den normalen Laufeinheiten standen, da die Vorbereitung immer im November, Dezember und Januar war, einige Indoor Ergometer Einheiten auf dem Trainingsplan. Intervalle und Kraftausdauereinheiten bis der Ergometer ächzte. Wobei das niemand mitbekommen hat, weil ich selbst lauter atmete und meist noch lauter Sport, ganz besonders oft Biathlon, auf dem Bildschirm vor mir angeschaut habe. Dazu kamen 1-3 Mal die Woche Einheiten im Maintower in Frankfurt. 2,5h mit dem Zug hin und die gleich Zeit zurück. Und dazwischen einfach nur Bääääämmm.
Im Treppenhaus gab und gibt es immer nur ein Gas, Vollgas. Deshalb hat es auch immer gereicht, wenn ich genau 2h von FFM HBF – FFM HBF hatte. Schnell zum Maintower, Zugangskontrolle passieren, umziehen, einlaufen und schon stand ich vor den Stufen, die für mich so etwas wie zu Hause bedeuten. Die Stoppuhr piepst und ab geht die Post... Stockwerk für Stockwerk dem Frankfurter Himmel entgegen. Vorbei an dem Schild 10, 20, 30 und 40. Das sind meine Zwischenzeiten, die mir sofort sagen, wie gut ich gerade unterwegs bin und was ich ggf. verändern muss, um das Trainingsziel zu erreichen.
Schluss ist dann immer im 52. Stock, hinter der Stahltür, die den öffentlichen Bereich vom Businessbereich abtrennt. Für mich geht es dann mit dem Expressfahrstuhl wieder ins Erdgeschoss, um erneut den Treppenschacht nach oben zu rasen. 2-4 Wiederholungen, da der ESB RUN UP 320 Höhenmeter hat und ich in Frankfurt nur 185Höhenmeter überwinden kann. Danach auslaufen, umziehen, zum Bahnhof laufen und ab in den Zug.
Nach New York fliege ich immer 3-4 Tage vor dem Wettkampf. Die Zeitumstellung des Körpers und Akklimatisieren sind dann neben den TV Interviews die Haupttätigkeiten.

Am Wettkampftag geht es dann 2 Stunden vor dem Start zum Empire State Building. Dort angekommen hole ich die Startnummer ab, gebe verabredete Interviews und laufe mich neben dem Gebäude in einer Seitenstraße warm. Danach dehnen und dann sind es nur noch 15 Minuten bis zum Start. Langsam werden die Starter an die Startlinie geführt und aufgestellt. Die einstelligen Startnummern in der ersten Reihe und alle anderen dahinter. Dann schallt das Nebelhorn durch die Marmorhalle, das Startsignal für die Frauen, die fünf Minuten vor den Männern starten und gleichzeitig das Signal für mich, nun direkt an die Startlinie vor zu gehen.
On your marks- ttttüüüüüüüüttttt und das Nebelhorn ertönt und ab geht es mit Vollgas ins Treppenhaus. Stufe für Stufe nach oben, Stockwerk für Stockwerk. Die Gegner versuche ich im Auge zu behalten und noch besser, wenn ich sie nicht mehr sehen kann. Kaum habe ich den Rhythmus der Treppen aufgenommen, gibt es den Treppenhauswechsel in Stockwerk 21. Und dann bleibt es bis Stockwerk 64 beim Rhythmus 3 Stufen, 17 Stufen und 3m flach zurück. Stockwerk für Stockwerk, unterbrochen von den Überholvorgängen der Frauen, die ich einsammel. Die Gedanken bleiben da, wo sie hin sollen, im Treppenhaus. Das Mentaltraining zahlt sich immer mehr aus und jede Einheit in Frankfurt lässt mich ein bisschen schneller und leichter die Stufen hoch jagen. Die Belastung wird mit jedem Stockwerk mehr spürbar und nähert sich genau wie der Puls dem Maximum. In Stockwerk 64 wird wieder der Treppenschacht, nun zum letzten Mal, gewechselt. Nun geht es ohne System die letzten 22 Stockwerke weiter. Der Puls hämmert im Hals, durch die Lungen pfeift die trockene staubige Luft wie ein Sandsturm. Sie reibt an den Bronchien, dass man gegen Ende des Rennens einen leichten Blutgeschmack im Mund hat. Und das ist völlig egal, wenn ich als Erster ins Freie komme. Dann sind es nur noch 80m und eine Dreiviertelrunde auf der Plattform bis zum Zielband und dem Sieg. Hier ist es nicht ganz leicht, den Rhythmus auf Flachlaufen umzustellen. Jetzt spürt man, wie das Zielband zum Zielmagnet wird. Es zieht die Gedanken und den ganzen Körper an. Es lässt die Emotionen steigen und dann kommt fast aus dem Nichts das Band, das nur die Sieger berühren. Sieben Mal in Folge durfte ich dieses Gefühl schon haben. Ob ich noch einmal in New York starte? Das weiß ich nicht. Nur eins weiß ich, wenn ich antrete, dann will ich das Gefühl des Zielbands auf meiner Brust spüren.
Unbeschreiblich, unvergesslich und für lange Zeit unerreicht. Ein Rekord vielleicht für die Ewigkeit. Das liebe ich.

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