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der direkte Umweg

Momente, in denen man einen fundamentalen Fehler realisiert, in dem dieses Gefühl durch den ganzen Körper schießt, vergisst man nie. Es sind Erfahrungen, weit außerhalb der eigenen Komfortzone, in der man sich auskennt. Man ist im Lernbereich, wo man Situationen blitzschnell neu bewerten muss und für Fehler keine Zeit bleibt.

Denn der Flieger wartet nicht.
Erfahrungen hinsichtlich weiter und langer Reisen habe ich schon viele gesammelt. Da bin ich routiniert. Diese Routine ist wichtig, denn nur so kann ich entspannt reisen, innerhalb meiner Komfortzone. Aber bei der Reise nach Bogota sollte es anders sein.
Nach der Bestätigung der Teilnahme, der Reiseroute und des Zeitpunks meinerseits gegenüber dem Veranstalter war für mich die Organisation der Reise größtenteils erledigt. Frei nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen..., habe ich gleich alle Flüge und Zeiten in den Kalender übernommen. 2 Tage später war dann auch das Ticket im E-mail Postfach. Alles wunderbar, passt, abgehakt. Ressourcen freigegeben für anderes. Erst beim Kofferpacken flackern kurz die Gedanken an die Reise wieder auf. Da ich das schon einige Tage vor Abflug erledigt habe, bleiben die Gedanken nicht in Kolumbien und kommen zurück zum Tagesgeschäft. Bis ich am Samstagmorgen zum Flughafen in Frankfurt fahre. Schnell noch geschaut, ob die wichtigsten Dinge dabei sind. Alles dabei, auf geht’s zum Check-In.
Die neuen Automaten sind nichts für mein spanisches Digitalticket. Ich verlasse mich lieber auf das Bodenpersonal am Schalter. Nur leider konnte mich die freundliche Dame von Lufthansa auch nicht im System finden... Haben die Kolumbianer mich nicht richtig gebucht?

Ich zieh den Laptop aus der Tasche, um zu schauen, wo der Fehler am heutigen Morgen um 8:30 Uhr genau liegt. Schon nach wenigen Sekunden war er gefunden.
Das Adrenalin schoss mir durch die Adern, der Puls stieg an, obwohl der Körper gar nicht wusste, dass er gleich richtig gefordert werden würde. Mein Flug war nämlich schon in der Luft. Ich habe einen anderen Flug auf dem Ticket, als ich bestätigt hatte und der war schon seit 50 Minuten laut Ticket weg.
Aber die Realität streckte mir noch einen kleinen Strohhalm hin, den ich mit beiden Händen ergriff.
„Laufen sie schnell zu Schalter 906 im Terminal 2“ war die hilfreiche Anweisung der Lufthansa Dame, die für mich wie ein Startschuss bei einem Wettkampf war. Im Sauseschritt durch die großen Hallen war ich nur wenige Minuten später bei meinem eigentlichen Flug bei IBERIA und wollte nach Madrid. Der Flieger hatte aufgrund eines Streiks 90 Minuten Verspätung und somit waren es noch gut 30 Minuten bis Abflug.
Aber anstatt eines verlassenen Counters fand ich Menschentrauben beim Check-In vor. „Wollen sie alle nach Madrid?“, fragte ich hastig zwei, drei Leute. „Ja, aber wir wollen noch weiter fliegen und das geht heute nicht“, war die einstimmige Antwort. Ich ging weiter zum Bodenpersonal vor, um meinen Reisewunsch nach Kolumbien vorzutragen. Aber dort nahm man mir erst einmal den Wind aus den Segeln und schickte mich in die Reihe zum Anstellen. Anstellen??? Rumstehen?? Nachdem ich gerade mit meinem Gepäck gelaufen bin, so schnell es ging. Das passte nicht zusammen und auch nicht zu mir und schon zweimal nicht zur aktuellen Situation.

Da ich mittlerweile mitgehört hatte, dass aufgrund eines Streiks Madrid „dicht“ sei, habe ich meinen Laptop wieder aus der Tasche gezogen. Diesmal, um mir selbst ein Bild machen zu können, welche Flüge heute noch nach Kolumbien starten werden. Nach 30 Minuten Warten konnte ich mein Wissen einsetzen, bzw. musste ich mein Wissen sogar einsetzen, um der Dame von IBERIA klar zu machen: Ich werde heute Abend in Kolumbien sein, egal ob ich über Housten, New York oder Toronto fliege. Hauptsache heute noch in Kolumbien. Lieber die Reiseroute umkrempeln, als die ganze Planung für Bogota ändern müssen.
„OK, sie könnten theoretisch über Toronto fliegen, aber der Flieger geht schon in 50 Minuten, das werden sie nicht mehr schaffen“, wurde ich aufgeklärt. 50 Minuten!!! Da trinke ich, wenn es sein muss, noch einen Tee und wäre pünktlich am Gate. Aber das dachte ich mir nur und erklärte stattdessen, dass das locker reicht. „Ich bin schnell, sehr schnell, wenn es sein muss.“ Und ab ging es zum zweiten Mal durch den Flughafen mit Vollgas. Dieses Mal von Terminal 2 wieder in das erste zurück. Zurück zu „meiner“ freundlichen Lufthansa Mitarbeiterin?!? Nicht ganz, denn schon gleich am Eingang der Warteschlange wurde mir erklärt, dass ich zum Air Canada Schalter müsse. Nummer 700 irgendetwas, aber ganz hinten im Terminal 1, nur vier Gehminuten.
Im Nachhinein würde ich gerne wissen, welcher Weltmeister im Gehen diese Strecke in 4 Minuten schaffen würde, denn die Halle nahm kein Ende, so mein Gefühl. 9:28 Uhr, 32 Minuten vor Abflug von AC 762 nach Toronto erreichte ich den Schalter.
„Ich will nach Bogota und weil Madrid dicht ist, soll ich mit ihnen fliegen. Nehmen sie mich noch mit?...." war die bange Frage. Ein Telefonat und fünf Klicks später war wieder die Anweisung von einer freundlichen Frau: „Laufen sie schnell, dann reicht es noch." Nun ging es ohne den großen Koffer aber dafür noch schneller zu den Pass- und Sicherheitskontrollen. „Excuse me“ war mein Standartsatz, um wenigstens höflich zu sein, während ich an allen anderen Wartenden vorbeiging. Ich hatte keine Zeit mehr zu warten, es waren keine 25 Minuten mehr.
Als ich endlich alle Kontrollen hinter mir hatte, blieben noch 15 Minuten... Das sollte doch reichen, denn mein Name wurde noch nicht einmal ausgerufen. Also weiter die Physis eingesetzt und dem Gate 45 entgegen gerannt. Ich will mir nicht vorwerfen müssen, dass ich nicht alles versucht hätte, den Flieger zu bekommen. Ganz am Ende des langen Gangs leuchtete das Schild für mein Gate: 45.

Wie gut eine Stunde zuvor am IBERIA Schalter erwarte ich ungeduldiges Personal... Fehlanzeige. Stattdessen standen gelangweilte Passagiere in Reih und Glied, um in das Flugzeug einzusteigen. Perfekt, den Flieger bekomme ich und das sogar locker. Wie vor 35 Minuten bei IBERIA angekündigt.
Da ist sogar noch ein bisschen Zeit, Zeit für eine kurze Mail nach Bogota. "I’m sorry, I am going to have 4 hours delay, but we will see us in the evening" lautete die kurze Nachricht an meine Kontaktperson, die mir das Ticket geschickt hatte. 4 Stunden, die ich gerne in Kauf nehme, "Merci" auch an die streikenden Spanier, ohne euch hätte ich den Flug nicht bekommen.

Was lerne ich daraus:
Fit zu sein und schnell laufen zu können, hilft im Leben immer.

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